12 Schritte ins Leben – Selbsterfahrungsgruppe

 
Wir Menschen haben den Hang, Verantwortung, die wir für uns selbst haben, auf andere zu übertragen, sie abzugeben.
Oft merken wir das nicht mehr, weil wir es so gewohnt sind.
Die fehlende Verantwortung für sich selbst geht mit den verschiedensten Verhaltensweisen einher,
die mir selbst und mir nahe stehenden Menschen schaden, ohne dass ich mir zunächst dessen bewusst bin.


Beispiel

Wenn wir uns über einen Menschen ärgern, fragen wir nicht, welches der eigene Anteil am (Beziehungs-) Geschehen ist,
sondern halten den anderen für allein verantwortlich. Seinetwegen ärgere ich mich. Der ist schuld.
Daraus folgt nicht selten die Erwartung: Der andere soll dies oder das ändern, dann geht es mir und uns gut.
Anstelle des Einzelnen kann auch eine Organisation mit ihren Dynamiken und Strukturen stehen.
Es kann sein, dass Menschen sich darin als hilflos und ohnmächtig empfinden.


Wir alle haben im Laufe des Lebens Strategien entwickelt, wie wir mit Unangenehmem umgehen.
Viele Menschen erleben mit diesen Strategien bzw. Verhaltensweisen wenig oder keine konstruktive Entwicklung,
eher im Gegenteil.
Der Andere ändert sich einfach nicht so wie ich das gut fände und es mir gut täte.
Das Unangenehme möchte ich nicht länger spüren und suche mir Alternativen.
Manche greifen zur Flasche, andere treiben übermäßig Sport,
wieder andere kümmern sich um andere Menschen und helfen ihnen,
oder sie arbeiten und arbeiten, bis die körperliche Gesundheit in Mitleidenschaft gezogen ist.
Ich suche Ablenkung von mir selbst, meinen Sorgen und Nöten, meinem Leid.

In dem Grad, indem ich mich selbst vermeide, werde und bleibe ich beziehungsunfähig.
Es besteht die Gefahr, andere Menschen für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zu missbrauchen.
Mit Missbrauch will normalerweise niemand etwas zu tun haben.
Keiner will als Täter gebrandmarkt werden oder sich als Opfer erleben.
Und doch kommt es "in den besten Familien" vor. Oft sind wir beides.
Jeder braucht und sucht nach Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Jeder braucht Anerkennung, Bestätigung.
Jeder Mensch sehnt sich nach bedingungsloser Liebe
und kennt doch eher die Liebe, die an Bedingungen geknüpft ist: Nur wenn du ..., dann bist du geliebt.

In der Selbsterfahrungsgruppe geht es, wie der Name schon sagt, darum, sich selbst zu erfahren,
sich ehrlich mit sich selbst und seinen Schattenseiten auseinander zu setzen.
Das erfordert einigen Mut, da hinzusehen. Denn nur was sein darf wie es ist, kann sich auch verändern!
Der Wahrheit ins Auge zu sehen tut auch weh. Doch ehrlich mit sich - und damit auch mit anderen - zu werden
ist am Ende heilsam und eine Chance für konstruktive Veränderung und Weiterentwicklung.
In der Gruppe erleben die Teilnehmer, dass jeder mit seinem eigenen Päckchen kommt und "auch nur mit Wasser kocht".
Diese Erfahrung, ich bin nicht allein, ist für viele Menschen tröstlich und ermutigend zugleich.

Die 12 Schritte sind eine Möglichkeit zur Veränderung, aus den alten destruktiven Mustern auszusteigen
und neue Verhaltensweisen und Überzeugungen zu erlernen und einzuüben.
Sie sind Ende der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts in den USA entstanden.
Der Arzt Dr. Bob Smith, der Wallstreetmakler Bill Wilson, der episkopale Geistliche Sam Shoemaker,
der lutherische Pfarrer Frank Buchmann und der jesuitische Priester Father Es Dowling entwickelten sie mit dem Ziel,
Alkoholkranken einen Weg aus den Suchtmechanismen zu ermöglichen.
Seither verhalfen die 12 Schritte in so genannten A-Gruppen (Anonymen Gruppen)
unzähligen Menschen auf allen Kontinenten zur Befreiung von Zwängen, Süchten und Problemen.


© Kathrin Seyferth 2018